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Dass die Schlüsselblume eine Frühlingsblume ist, kommt bereits in ihrem botanischen Namen zum Ausdruck: „Primula veris“, die erste Blume des Frühlings. Im Gegensatz dazu erscheint sie in der Medizin allerdings verhältnismäßig spät. Die antiken Ärzte verwendeten sie, soweit man das heute sehen kann, nicht. Dies mag geographische Ursachen haben, obwohl die Pflanze von Zentralasien über Vorderasien bis nach Westeuropa heimisch ist, also auch den Griechen und Römern bekannt gewesen sein konnte.

Auch in den Werken des frühen Mittelalters findet die Schlüsselblume keine Erwähnung. So ist die berühmte Äbtissin Hildegard von Bingen (1098-1179) die erste, die die Pflanze unter dem Namen „Himmelsschlüssel“ (hymelsloszel) in einem medizinischen Werk behandelt. Sie erklärt, dass die Schlüsselblume „warm“ sei, weil sie von der Sonne gestärkt werde. Diese Wärme könne die „Melancholie“ im Menschen unterdrücken. Die Äbtissin meint hier tatsächlich die Depression, denn sie schreibt: „Wenn die Melancholie im Menschen aufsteigt, macht sie ihn traurig und in seinem Benehmen unruhig und lässt ihn Worte gegen Gott aussprechen. ...“ Dagegen soll nun die Schlüsselblume helfen, indem man sie auf das Herz des Kranken legt. Hildegard empfiehlt die Schlüsselblume auch bei Lähmungen („Paralisis“).

Es dauert fast 300 Jahre, bis die Schlüsselblume wieder in einem medizinischen Text erwähnt wird, und zwar im sog. ‚Lexicon plantarum’. Es handelt sich, wie der Name schon andeutet, um ein sehr umfangreiches Werk, das nahezu alle Pflanzen vorstellt, die im Mittelalter arzneilich genutzt wurden. Die Schlüsselblume trägt hier bereits den Namen, den sie auch in der modernen botanischen Nomenklatur nach Carl von Linné bekommen hat: „Primula veris“. Daneben werden zwei weitere Namen aufgeführt: „Herba paralisis“ und „Paralisis minor“. Die Tatsache, dass die Schlüsselblume bei Hildegard und im ‚Lexicon plantarum’ im Zusammenhang mit Lähmungen genannt wird, ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Frühlingsblume tatsächlich wohl zuerst in der Volksheilkunde und dann auch in der akademischen Medizin bei Paralisis eingesetzt wurde.

 
Die Schlüsselblume in den ersten gedruckten Kräuterbüchern

Der ‚Gart der Gesundheit’ von 1485 ist wahrscheinlich das erste gedruckte Werk, in dem die Schlüsselblume erwähnt wird. Auch hier heißt die Pflanze „Herba paralisis“ oder „slusselblume“ („Schlüsselblume“). Als Indikation wird ausschließlich die Gicht genannt. Das heißt, der lateinische Fachausdruck „Paralisis“, der eigentlich eine schwere Lähmung bezeichnet, wie sie z.B. nach der Durchtrennung von Nerven, nach Erfrierungen oder einem Schlaganfall entsteht, wird hier anders interpretiert. „Gicht“ kann im Mittelalter drei verschiedene Krankheitsbilder bezeichnen. Zum einen die „echte“ Gicht, eine schwere Gelenkentzündung, die mit einem hohen Harnsäurespiegel im Blut zusammenhängt, zum andern Gelenkabnutzungen oder rheumatische Erkrankungen. Eine Lähmung im Sinne der „Paralisis“ war die „Gicht“ nun eigentlich nicht. Auf jeden Fall wird aber die Schlüsselblume seit dem ‚Gart der Gesundheit’ vor allem als Mittel bei „Gicht“ empfohlen.

Nun besitzt der ‚Gart der Gesundheit’ neben dem Kapitel zur „Herba paralisis“ noch eines zur „Primula veris“ (Kapitel 333), dem allerdings die deutsche Bezeichnung „Maßlieben“ beigegeben wurde. Tatsächlich dürfte hier Bellis perennis – also das „Gänseblümchen“ - gemeint sein. Die Pflanze soll aber u.a. bei Krämpfen und lahmen Gliedern wirksam sein. Außerdem werden Geschwulst und Flechten als Anwendungsgebiete genannt. Es könnte sein, dass hier Namen und medizinische Anwendungen zwischen zwei Pflanzen ausgetauscht wurden, ein Vorgang, der im Übergang vom Mittelalter zur frühen Neuzeit (15. u. 16. Jh.) mehrfach zu beobachten ist.

 
Die Schlüsselblume bei den Vätern der Botanik (Renaissance)

Die sogenannten Väter der Botanik, Otto Brunfels, Hieronymus Bock und Leonhart Fuchs, wollten sich von der mittelalterlichen Tradition absetzen, indem sie fast ausschließlich auf die antiken Autoritäten zurückgriffen. Im Fall der Schlüsselblume stießen sie dabei auf das Problem, dass die antiken Ärzte diese Pflanze in ihren Schriften nicht aufführen.

So schreibt Otto Brunfels leicht verzweifelt in seinem Kräuterbuch von 1532 zu „Himmelsschlüssel oder S. Petersschlüssel oder Schlüsselblumen, zu Latein Herba Paralisis“, „ich ... appelliere hier an die gelehrten Herren, daß sie mir für dieses Kräutlein aus dem Dioskurides einen Namen geben möchten und angeben, ob da ein Kapitel oder ein Synonym wäre, das mit dem Namen Herba paralisis übereinstimme.“ Mit „Dioskurides“ meint Brunfels die ‚Materia medica“ des griechischen Arztes Dioskurides. Auch wenn Brunfels die Schlüsselblume bei seinen Autoritäten nicht finden konnte, weiß er einiges über die Heilpflanze zu berichten. Bei den medizinischen Anwendungen nennt er zuerst das Destillat, das gegen Kopfschmerz, zur Stärkung von Magen und Leber sowie bei Menstruationsproblemen helfen soll. Außerdem soll der Trank des „Wassers“ die „kalten Feuchtigkeiten“, die den Rücken beschweren, mit dem Harn ausleiten. Das Öl der Schlüsselblume soll als äußerliche Einreibung bei Lähmungen helfen.

Hieronymus Bock, dessen Kräuterbuch erstmals 1539 zunächst ohne Abbildungen und 1546 mit Holzschnitten der Pflanzen herauskam, beruft sich direkt auf Brunfels und spekuliert, welche Pflanze die Schlüsselblume bei Plinius oder Dioskurides sein könnte, freilich ohne Ergebnis. Als neue Arzneiform kommt bei ihm der „Schlüsselblumen-Zucker“ hinzu: dazu wurden die Blüten in Zucker eingelegt. Er galt als Stärkungsmittel nach langer Krankheit. Ansonsten gibt Bock nur äußerliche Anwendungen des Destillates an.

Anders als seine Vorgänger ist Leonhart Fuchs bei der Suche nach antiken Autoritäten für die Schlüsselblume in seinem Kräuterbuch (lat. Fassung 1542, dt. 1543) teilweise erfolgreich. Dabei greift er allerdings zwangsläufig daneben. Er erklärt nämlich die ihm bekannten Arten der Schlüsselblume zu Arten der Wollblume, also der Königskerze, botanisch Verbascum (dt. Ausgabe Kapitel 328). Und mehrere Arten von Verbascum werden tatsächlich von Dioskurides behandelt; so findet Fuchs auch bei der Schlüsselblume den Anschluss an die antike Tradition, allerdings mittels einer Fehlinterpretation.

 
Volksmedizin und Brauchtum

Über die Jahrhunderte hinweg galt aber die Schlüsselblume als Mittel bei (Kopf-)Schmerzen einschließlich Migräne, bei Lähmungen, Gicht und Gelenkrheumatismus, Schwellungen bei Tierbiss oder Insektenstich. Auch als Stärkungsmittel, insbesondere bei Herzschwäche, wurden Schlüsselblumen gegeben. In dieser Tradition steht noch Sebastian Kneipp, der die Schlüsselblume für jede Hausapotheke empfahl und in seinem Hauptwerk ‚Meine Wasserkur’, das auch ein Kräuterbuch enthält, schreibt: „Schon der Geruch verräth, daß in all’ diesen Blüthenkelchen eine besondere Heilflüssigkeit stecken müsse. Kaut man zwei bis drei dieser gelben Trichterchen, so fühlt man recht gut, welch’ medizinischen Gehalt sie bergen.“ In der konkreten Anwendung bleibt Kneipp ganz spätmittelalterlich: „Wer Anlage hat zur Gliedersucht, zur Gliederkrankheit oder schon an diesen Gebresten leidet, trinke längere Zeit hindurch täglich eine Tasse Schlüsselblumentee. Die heftigen Schmerzen werden sich lösen und allmählich ganz verschwinden.“ Dies ist im Grunde das, was der ‚Gart der Gesundheit“ von 1485 mit der Anwendung bei „Gicht“ ausdrücken wollte.

 
Moderne Anwendungen

Während in den historischen Werken des Mittelalters und der frühen Neuzeit nur vom Kraut oder speziell von den Blüten in der medizinischen Nutzung die Rede ist, kommt zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Wurzel hinzu. Man entdeckte die Wurzel als Expektorans, als ein Mittel zur Schleimlösung bei Bronchitis und Keuchhusten. Erste Beschreibungen lieferten der Österreicher Joachimowitz und der Franzose Leclerc, wobei die Saponine als eigentliche Wirkstoffe bestimmt wurden.

Medizinisch verwendet werden heute zwei Arten der Schlüsselblume: Primula veris, zu deutsch auch Frühlings-Schlüsselblume, Duftende Schlüsselblume oder Himmelsschlüsselchen genannt, und Primula elatior, die Hohe Schlüsselblume oder Wald-Schlüsselblume. Sie wird etwas höher als Primula veris.

Von beiden Arten werden sowohl die Wurzel (Primulae radix) als auch die Blüte (Primulae flos) verwendet.

 

 

Forschergruppe Klostermedizin

 

 

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