XING

Facebook

Twitter

Google+

Die Kamille – auch Anthemis genannt – war schon bei den Griechen eine sehr beliebte Heilpflanze; und so schreibt ihr auch Dioskurides (1. Jh. n.Chr.) im ersten europäischen Kräuterbuch eine ganze Reihe von Heilwirkungen zu: sie treibt den Urin und den Stein, hilft bei der Geburt, bei Blähungen und Leberleiden sowie bei Blasenentzündung.

Geschichte

Odo Magdunensis (11. Jh.) beginnt im ‚Macer floridus’ sein Kapitel zur Kamille in lyrischer Rede: „Anthemis nennt Asklepius, der Autor, unter hohen Lobreden und Empfehlungen die Pflanze.“ Unter anderem hören wir: „Ein fieberschweres Haupt pflegt oftmals Hautentzündungen (wie die Gesichtsrose) durch seine Hitze zu erzeugen; oder wenn sich die bösen Säfte in ihm sammeln, erzeugt es fürchterliche fressende Geschwüre; der Grieche nennt sie Exantheme (Hautausschlag): kocht man die Kamille frisch in Öl, treibt sie diese zurück. Bleibt hier die Wirkung aus, weicht man die frische Kamille in Essig ein und wäscht damit das Haupt: keine Salbe hilft besser.“

Unbegreiflicherweise erwähnt Hildegard die Kamille mit keinem Wort, dafür lobt das ‚Leipziger Kräuterbuch’ (~ 1435) die Pflanze nahezu überschwenglich: ihre Kraft sei, dass sie auflöst und weich macht und verfeinert, und was sie auflöst, das wird auch fließend gemacht. Wörtlich heißt es noch „und sie legt die Schmerzen, und erweicht die harten Glieder, und macht kleine Verdickungen der Haut wieder sanft, und vertreibt die Fieber, die durch die cholerischen Feuchtigkeiten entstehen.“ Dies sind nur zwei kurze Ausschnitte aus dem Kapitel.

Neben der Bekämpfung von entzündeten Geschwüren, neben ihrer weichenden und öffnenden Wirkung nennt Konrad von Megenberg (14. Jh.) noch weitere Wirkungen; danach soll sie auch die Glieder kräftigen, das Hirn stärken und aus dem Haupt die schlechten Säfte treiben.

Alle Kräuterbücher sprechen übrigens von drei Arten, die sich nur durch die Blüte unterscheiden: eine hat weiße Blüten, die zweite gelbe, die dritte purpurfarbene. Die weißblühende ist die echte Kamille, die gelbe die Färber-Hundskamille (Anthemis tinctoria), die dritte Art bleibt unklar, vielleicht ist Anthemis rosea gemeint.

Allgemein wird die Kamille in der Klostermedizin als wärmend und trocknend im 1. Grad eingeordnet, was eigentlich auf eine eher schwache Wirkung schließen lässt. Allerdings heißt es bei Konrad von Megenberg, dass die Kamille deshalb so positive Wirkungen entfalten könne, weil ihre Wärme ziemlich genau der des menschlichen Körpers entspreche. Stets wird auch die auflösende, fließend machende Kraft der Kamille beschrieben; dies bezieht sich auch auf die äußere Anwendung bei verschiedenen Arten von Hautentzündungen. Eine weichmachende, fließendmachende Pflanze hat natürlich auch eine harntreibende Wirkung und führt die Menstruation herbei.

Hinweis zum Namen: es ist eigenartig, dass eine so beliebte Pflanze keinen eigenen deutschen Namen erhielt. „Kamille“ kommt von Chamaemelum; so wurde die römischen Kamille (Chamaemelum nobile oder Anthemis nobilis) und die echte Kamille genannt, und das heißt soviel wie Erdapfel.


Herkunft und Anbau

Die Kamille ist ein Korbblütengewächs (Asteracee) und wirklich mit den Anthemis-Arten (Hundskamille-Arten) verwandt. Die Pflanze ist einjährig und kann 15 bis 50 cm hoch werden. An den Stengeln sitzen zwei- bis dreifach gefiederte Blätter. Der spitz-kegelförmige Blütenstandsboden ist hohl. Ihre goldgelben Röhrenblüten werden von weißen Zungenblüten umrahmt und erscheinen Mai bis Juni. Die Kamille stellt keine großen Ansprüche und ist in fast ganz Europa heimisch auf Ödland und Schuttplätzen, an Wegrändern und Feldrainen. – Bitte stehen lassen! Die wilde Pflanze wird in Deutschland allmählich selten. In Kultur wird die Kamille außer in Deutschland auch in Argentinien, Ägypten, Ungarn und Spanien angebaut.


Inhaltsstoffe

In den frischen und auch in den getrockneten Kamillenblüten (Matricariae flos) stecken alle heilsamen Substanzen der Kamille: Das ätherische Öl u. a. mit Bisabolol, Bisaboloiden, Matricin, En-In-Dicycloether; Flavonoide; Phenylpropanderivate wie Hydroxycumarine und die Schleimstoffe. Nur bei wenigen Pflanzen sind die Wirkungsprozesse so gut bekannt wie bei der Kamille: Das ätherische Öl (vor allem das darin enthaltene Matricin, das alpha-Bisabolol und seine Oxide) und die Flavonoide heilen Entzündungen, indem sie zum Beispiel die Freisetzung und die Bildung entzündungsvermittelnder Botenstoffe blockieren. Apigenin, ein Flavonoid, sowie Bisabolol und En-in-Dicycloether im ätherischen Öl lösen Verkrampfungen der Muskulatur, da sie, so wird vermutet, den Calciumeinstrom in die Muskelzellen hemmen. Dieselben Inhaltsstoffe - allen voran wieder das Bisabolol und der En-in-Dicycloether - schützen die Schleimhaut des Magens vor dem Verdauungsenzym Pepsin und hemmen gewisse Bakterien und Pilze in ihrem Wachstum. Schleimstoffe haben auch einen Anteil an der heilsamen Wirkung der Kamillenblüten.


Anwendungen

Zubereitungen aus Kamillenblüten werden empfohlen bei entzündeter Haut oder Schleimhaut:
Äußerliche Anwendungen bei Zahnfleischentzündungen, zur Unterstützung bei Mundsoor und Vaginalpilz, bei bakteriellen Hauterkrankungen, Erkrankungen der Atemwege, der Stirn- und Nebenhöhlen, des Anal- und Genitalbereiches sowie bei Hämorrhoiden und Menstruationsbeschwerden.

Oberflächliche Hautverletzungen, Wundliegen bei Bettlägerigen und andere Wunden sprechen sehr gut auf die keimhemmenden und hautberuhigenden Wirkstoffe der Kamillenzubereitungen beim Spülen und Nachbehandeln der betroffenen Areale an, da sie im Gegensatz zu den herkömmlichen Desinfektionsmitteln die Wundheilung nicht behindern, sondern fördern.

Innerliche Anwendungen sind angezeigt bei Magen- und Darmentzündungen, gerade wenn sie mit Blähungen und Krämpfen einhergehen (hier empfiehlt sich besonders die Anwendung als Rollkur), und bei krampfartigen Unterleibsbeschwerden der Frau.

 

 

Forschergruppe Klostermedizin

 

 

Go to top