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Ein interdisziplinäres Forscherteam der Universität Nottingham hat eine Augensalbe aus Bald's Leechbook (10. Jh.) untersucht. Ersten Ergebnissen zufolge, die Ende März 2015 veröffentlicht wurden, könnte das Rezept auch gegen Methicillin-resistente Staphylococcus aureus (MRSA) wirksam sein. Ein neues Antiobiotikum aus Knoblauch, Zwiebeln, Wein und Ochsengalle?

Bald's Leechbook (auch Laecebok oder Medicinale anglicum) ist eine mehrteilige angelsächsische Rezeptsammlung, die vermutlich bereits im 9. Jahrhundert auf Bestreben von König Alfred dem Großen kompiliert wurde. Während das später angefügte Leechbook iii noch starke heidnische Einflüsse und kaum Rezepte aus dem Mittelmeerraum aufweist, sind die ersten beiden Teile modernerem Ursprungs. In der ersten Sammlung, dem Leechbook i, werden äußerliche Leiden, im Leechbook ii die Innere Medizin behandelt. Als Quellen für diese beiden Bücher wurden neben heimischen Rezepten die antiken griechischen Ärzte Galen, Philagrios, Antyllos und Soranos von Ephesos identifiziert.

Bald's LeechbookDas Manuskript wurde bereits Mitte des 19. Jahrhunderts editiert, etwa zu der Zeit, als in Deutschland auch erste wissenschaftliche Übersetzungen der Physica von Hildegard von Bingen erarbeitet wurden. Bekannt war das Werk bislang hauptsächlich aufgrund der Tatsache, dass es die älteste angelsächsische Quelle ist, in der plastische Chrurgie Erwähnung findet.

Analog zu unserer Arbeit in Würzburg (vgl. "Lorscher Arzneibuch ist Welterbe") werden auch in England einzelne Rezepturen aus mittelalterlichen Quellen auf einen möglichen Nutzen für die moderne Medizin abgeklopft. Die Kollegen in Nottingham sind nun womöglich mit der Augensalbe einer ganz großen Geschichte auf der Spur.

Die von Dr. Christina Lee erarbeitete Übertragung des in Altenglisch verfassten Originalrezeptes lautet:
Take cropleek and garlic, of both equal quantities, pound them well together, take wine and bullocks’ gall, of both equal quantities, mix with the leek, put this then into a brazen vessel, let it stand nine days in the brass vessel, wring out through a cloth and clear it well, put it into a horn, and about night time apply it with a feather to the eye; the best leechdom.

Hinter cropleek verbirgt sich Lee zufolge Lauch (Porree) oder die Küchenzwiebel. Der Knoblauch ist einfach zu identifizieren, ebenso Wein und Ochsengalle (man erinnere sich an Taurin). Die beiden Allium-Arten sollen zerstoßen und mit Wein und Ochsengalle vermischt werden. In einem Kessel aus Kupfer oder Messing wird die Mischung nun neun Tage angesetzt (in den Meldungen ist von einer Temperatur von 4° C die Rede). Anschließend soll sie durch ein Tuch ausgewrungen und in ein Horn gefüllt werden. Auf die Augen aufgetragen wird sie zur Nachtzeit mit einer Feder.

Für die Zeit nicht unüblich sind die abschließenden Handlungsanweisungen, die etwas an Zauberei erinnern. Im Leechbook finden sich auch Sprüche gegen Schmerzen aufgrund böser Elfenmagie.

Etwas problematisch war das Auffinden der richtigen Zutaten. Wie sah der Knoblauch vor mehr als 1.000 Jahren aus, wie der Wein? Messing ist aus hygienischen Gründen eher unpraktisch, weshalb man auf Glas zurückgriff. Um die mögliche Wirkung des Kupfers aber zu erhalten, wurden der Mixtur stattdessen Metallstreifen beigegeben.

Die Forscher in Nottingham haben die Rezeptur in vitro, also im Reagenzglas getestet und dabei sehr gute Ergebnisse erzielt. Innerhalb von 24 Stunden wurden laut Dr. Freya Harrison fast alle Bakterien abgetötet. Es folgten Versuche an Mäusen, die von Dr. Rumbaugh an der Texas Tech University durchgeführt wurden. Auch hier waren die Resultate sehr vielversprechend. An infizierten Wunden konnten 90 Prozent der Bakterien abgetötet werden - ein Wert, der von aktuellen Mitteln nicht übertroffen wird.

Den genauen Wirkmechanismus kennen die Wissenschaftler noch nicht. Vermutet wird aber, dass der Gallensaft die übrigen Zutaten während der neun Tage zu aktiven Substanzen umsetzt.
Der Öffentlichkeit vorgestellt wurden die Ergebnisse auf der Annual Conference of the Society for General Microbiology Ende März 2015.

Völlig überraschend sind solche Meldungen nicht, auch wenn sie im ersten Moment etwas Verblüffung hervorrufen. Im Lorscher Arzneibuch aus dem späten 8. Jahrhundert findet sich bspw. eine Wundsalbe, zu deren Zutaten neben Honig und Käse auch Schafdung gehört. Die Mischung könnte tatsächlich antibiotische Wirkungen entfalten, auch wenn man dies lieber nicht klinisch ausprobieren möchte. Kürzlich aber erinnerte uns eine Meldung aus der Schweiz wieder an diese alte Rezeptur (vgl. "Neues Antibiotikum: Forscher werden im Pferdemist fündig").

Dies zeigt, dass es nach wie vor etwas zu entdecken gibt in den alten Schriften und dass wir weiter an natürlichen Antibiotika forschen sollten (siehe hierzu auch: "Arzneipflanze des Jahres 2013: Große Kapuzinerkresse - Tropaeolum majus"). Darauf verweisen auch explizit die Kollegen aus England.

Wir freuen uns auf die nächsten Ergebnisse aus Nottingham!


UPDATE AUGUST 2015
Die komplette Studie ist nun online verfügbar: http://mbio.asm.org/lens/mbio/6/4/e01129-15#figures



Quellen und weiterführende Links:

Die originale Pressemitteilung der Universität Nottingham:
http://www.nottingham.ac.uk/news/pressreleases/2015/march/ancientbiotics---a-medieval-remedy-for-modern-day-superbugs.aspx

Besonderes Augenmerk möchten wir auf dieses informative Video lenken:
https://www.youtube.com/watch?v=mo4K51bQVs0

Sie möchten die Arbeit in Nottingham unterstützen?
http://www.crowdfunder.co.uk/232746873ab92e397fb01ac1fc1c994a

Blog-Beitrag von Michael Drout, der das Rezept bereits 2005 untersucht hatte:
http://wormtalk.blogspot.co.uk/2015/03/anglo-saxon-medicine.html

Stephanie Paull hat das Rezept ebenfalls beschrieben und bezog sich dabei auf die Forschungen von Malcom Laurence Cameron 1993:
http://www.herlid.org.uk/uploads/3/1/0/0/3100057/3pct_-_anglo_saxon_leechcraft.pdf

 

 

Forschergruppe Klostermedizin

 

 

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